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Johannes Röring: „Wir geben den Kampf nicht auf“

Betäubungslose Ferkelkastration bleibt ab 2019 verboten

Berling/Gescher (fjk/pd). Das Ferkel ist gerade einmal zwei oder drei Tage alt, da legt der Züchter Hand an. Der Bauer klemmt sich das kleine Tier zwischen die Beine, ritzt mit einem Skalpell zwei Schlitze in die Haut über die Hoden, zieht die Testikel heraus und durchtrennt die Samenleiter. Das Tier quiekt, denn der Eingriff erfolgt bei vollem Bewusstsein. Eine Betäubung gibt es nicht. Ab dem 1. Januar 2019 darf diese Prozedur nicht mehr sein. Dann verbietet das Gesetz die betäubungslose Kastration.

Ferkelkastration ohne Betäubung bleibt ab 2019 verboten

Doch die Bauern laufen dagegen Sturm.  Dabei wissen die Landwirte schon seit langem, was auf sie zukommt. 2013, bei der Reform des Tierschutzgesetzes, hatte der Gesetzgeber beschlossen, dass am 1. Januar 2019 Schluss sein muss mit der Kastration ohne Betäubung. Die ist gang und gäbe in deutschen Ferkelzuchtanlagen. 16 Millionen männliche Ferkel werden entmannt, jedes Jahr.

Denn Eber sind für die Landwirte ein Problem. Sie bekämpfen sich gegenseitig – vor allem in den engen Ställen der industriellen Tierhaltung. Zudem hat ihr Fleisch oft einen strengen Beigeschmack, der Verbrauchern nicht schmeckt und der sich in den Anlagen der Schlachthöfe festsetzt.

Nun aber wollten einige Bundesländer über den Bundesrat einen Aufschub erreichen. Der Vorstoß Bayerns hatte vorgesehen, die für Ferkel äußerst schmerzhafte Kastration noch für einen Zeitraum von fünf Jahren zuzulassen.  Der Bundesrat lehnte diesen Antrag ab.. zur Zufriedenheit der Tierschutzverbände.

„Einsicht beim Bauernverband Fehlanzeige“- titel die BILD. Der Präsident des Westfälisch-Lippischen Bauernverbandes, Johannes Röring, kündigt  Widerstand an:

WLV-Präsident Johannes Röring.

„Diese Entscheidung ist ein Tiefschlag für unsere Bauern“, erklärt Johannes Röring. „Sie macht uns fassungslos und wütend. Unsere Bauern verstehen nicht, warum die örtliche Betäubung, die in anderen Ländern der EU erlaubt ist und erfolgreich eingesetzt wird, in Deutschland keine Chance bekommt.“ Der Bundesrat hat sich gegen den tierschutzgerechten und praktikablen Weg der örtlichen Betäubung bei der Ferkelkastration entschieden.

Die Entscheidung des Bundesrats kann das Aus für viele Sauenhalter bedeuten. Gleichzeitig werden immer mehr Ferkel aus Dänemark und Holland eingeführt. Der WLV fordert die Bundestagsabgeordneten auf, jetzt sehr schnell einen Gesetzesantrag zur Fristverlängerung im Bundestag auf den Weg zu bringen, der noch rechtzeitig vor dem 1. Januar 2019 beschlossen werden kann. Gleichzeitig ist Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner gefordert, alles Notwendige zu tun, um einen Strukturbruch in der deutschen Ferkelerzeugung zu verhindern“.

*Quellen: BILD, topagrar, Tierschutzbund.

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6 Kommentare zu Johannes Röring: „Wir geben den Kampf nicht auf“

  1. Hier mal ein Auszug eines Kommentares auf Top Agrar.
    Dem ist nichts mehr hinzuzufügen….

    Wen außer uns interessiert das? Im Gespräch mit Bürgern außerlandw. Hintergrundes erhalte ich hier immer ein Achselzucken. Haben Sie vielleicht nach dem Ende der Hennen_Käfighaltung und dem Absturz der Eier-Eigenversorgung auf unter 50 % (?) auch nur ein Ei weniger konsumiert? Haben Sie für die konsumierten Eier auch nur einen Cent mehr bezahlt? Sind Sie je zum Supermarkt gefahren in der Hoffnung dass heute Eier angeboten werden? Nö! Von dem ganzen Desaster um wegbrechende Marktanteile und aufgegebene Betriebe hat der Verbraucher nichts mitbekommen, das hätte ihn auch nicht interessiert. Und der kommende Strukturbruch in der Sauenhaltung wird den Bürger nicht mehr tangieren als der berühmte umgefallene Sack Reis im Reich der Mitte. Dürre im vergangenen Sommer? Egal, Wetter war super, Eisdielen, Cafes und Freibäder melden Rekordumsätze, alles toll. Ernteeinbußen? Was interessiert mich woher das Mehl für die Brötchen kommt, darum sollen sich die Bäcker und Grosshändler kümmern. Regale sind voll, Preise unten, alles gut. So denkt der Bürger. Verlierer sind wir vielleicht alle, aber wir die uns das betrifft sind einfach unglaublich wenige. Und wenn das Ferkel demnächst in noch größerer Stückzahl aus Dänemark herangekarrt wird, so geht das der Mehrheit deutlich am Allerwertesten vorbei mit dem sie auf dem Sofa hockt um Bundesliga zu gucken, denn das ist ein Thema das die Leute wirklich interessiert.

  2. Ulrich.Althoff (Klimawandelleugner) // 23. September 2018 um 21:55 //

    Und die Kälbchen werden dann auch nicht mehr zu Kalbsleberwurst verarbeitet. Hach was ist die Welt doch schön. Und die Windmühlen produzieren sauberen Strom,(Strom aus Kohle ist ja schmutzig) wenn denn der Wind windet.

  3. Danke für die Zahlen, Herr Heumer. Aber ich meinte schon alle Schweinchen sollten – bis zur ihrer Schlachtung – wenigstens ein artgerechtes Leben führen. Auch die Eber. Und wenn es keine Eber sein sollen, dann doch bitte bei der Kastration betäuben. Das muß es dem Verbraucher dann wert sein.

    Tierfabrikation muß weg. Jeder weiß, wie die Tiere da leiden.

    Wenn es kein billiges Fleisch mehr gibt, kauft man halt das teurere, aber aller Wahrscheinlichkeit nach auch besser schmeckende. Dann gibt es halt nicht jeden Tag, sondern nur alle drei Tage Fleisch auf dem Tisch. Ist eh gesünder.

    Und ja, ich kann mich erinnern, als wir noch in Dorsten wohnten, sind wir mit dem Hund immer die „Schweinsetrasse“ entlang spaziert. Massen an Schweinen aller Größe in Gruppen auf schönen Weiden, die hatten Suhlen, Wiese, Platz, Gesellschaft; kamen gern an den Zaun und waren so friedlich und nett.

    Das waren gesamt auch ein paar 100 Tiere, ok, nix gegen 10.000 eingepferchte Schweine in einem Stall. Aber die Ersteren hatten bis zu ihrem Tod ein gutes Leben und auch noch das Glück, auf dem Hof geschlachtet zu werden.

    Ich als Verbraucher wünsche mir ein Zurück zu dieser Tierhaltung. Ich bezahle wirklich gerne mehr, wenn dafür die Tiere nicht leiden müssen. Und so denken doch viele Menschen.

    Ich weiß, das ist romantisch, aber ich wünsche mir den Bauern, der seine Tiere alle kennt, die Kühe beim Namen nennt, und bei dem man beim Betreten des Schweinestalls keine Schutzkleidung anlegen muß. Wo die Kälbchen bei der Mutter bleiben und auch die Wiese und die Natur kennenlernen. Gilt auch für andere Tiere wie Hühner, Gänse, Enten, Puten….

    Da haben dann wir Verbraucher was davon, und die Bauern-Familien können anständig von ihrem Erlös leben.

  4. Andreas Heumer // 23. September 2018 um 13:56 //

    Brigitte, Dein Vorschlag mag mathematisch machbar sein, ist aber ethisch fragwürdig. Natürlich können die Menschen die Hälfte an Schweinefleisch essen und die männlich geborenen Ferkel brauchen wir dann nicht und die könnte man, wie die Bruderhähne bei der Eierproduktion, beseitigen bzw. früh für Zootiere verwerten. Ich denke dieser fünfte Weg ist kein Weg.

    Sie sprechen das Einkommen der Bauern an und das hat zwar nichts mit Tierschutz zu tun, ist aber ganz entscheidend. Denn ohne Gewinn geht nichts und da werden die kommenden Jahre hoch spannend.
    In den letzten Jahren ist sehr viel investiert worden, weil Grenzen im Baurecht gelockert wurden und steuerlich hat man den Großen sehr geholfen. Nun scheint das Pendel zurück zu schlagen. Steuerliche Hilfestellungen wie Futter GmbH`s werden wieder kassiert. Bei Immissionen ab 2000 Schweinemastplätzen will man Luftwäscher.
    Den Kritikern mag das freuen, wenn die gehasste Massentierhaltung einen Schuss vor dem Bug bekommt, aber es besteht die Gefahr, dass dann Kapitalgeber wie Toennies und Co. einsteigen.

    Hier mal eine Beispielrechnung damit man weiß, wie Schweinemast sich rechnet oder nicht:
    1. Landwirtschaftliche Schweinemast bis 1200 Plätze mit Fläche
    Erlös Schlachtschwein : 140€
    Ferkel incl. 1% Verlust : – 55€
    Futter : – 64€
    Energie : – 6€
    Versicherung/TA : – 5€

    Deckungsbeitrag = 10 €

    2. Gewerbliche Schweinemast ohne Fläche mit Luftwäscher und Gülleabgebekosten
    Erlös Schlachtschwein : 126,46
    Ferkel : – 51,40
    Futter : – 59,81
    Energie : – 5,04
    Versicherung/TA : – 4,20
    Luftwäsche : – 5,00
    Gülleabgabe : – 6,00

    Deckungsbeitrag = – 4,99 €

    Die unterschiedlichen Werte ergeben sich daraus, dass in der Landwirtschaft brutto gerechnet wird aber gewerblich ist man vorsteuerabzugsberechtigt.

    Wenn man sich diese Zahlen ansieht, gibt es eigentlich Hoffnung, dass des klassische münsterländische Familienbetrieb ein Chance hat. Es geht darum die verbleibenden wenigen Jahre Röring zu überstehen, der immer die Axt an solche Kleinbetriebe gelegt hat.
    Entscheidend um den Strukturwandel abzumildern wird sein, dass eine Familie auch nur einmal von dem steuerlichen Vieheinheitenschlüssel profitiert. Man kann nicht vier Ställe nebeneinander stellen und vier Höfe davon machen. So war das nicht gedacht.
    Wie man verhindert, dass außerlandwirtschaftliche Investoren einsteigen, daran muss noch gearbeitet werden. Diese Problem ist besonders in Niedersachsen akut.

  5. Es gibt noch einen fünften Weg. Die Leute essen weniger bis gar kein Fleisch mehr, die Umwelt gesundet, die Landwirtschaft betreibt keine Tierfabriken mehr, die Bauern bekommen für ihre Arbeit anständiges Geld. Alle werden gesünder und zufriedener.

    Leider Utopie, ich weiss.

    So lange Fleisch billiger als Gemüse ist, wird sich nix ändern.

  6. Andreas Heumer // 22. September 2018 um 17:14 //

    Wenn man einen Sündenbock seriös suchen will, muss man sich im Thema weiter bilden auch außerhalb der Bild.
    Wer ist Verantwortlich:
    Der Verbraucher im Supermarkt
    Der Landwirt der aber keine Handlungsoptionen hat
    Die Politik, die den besten „vierten Weg“ versperrt
    Der Lebensmittelhandel
    Die Tierärztekammer

    Beim Thema gibt es vier Wege ein gutes Schnitzel in den Laden zu bringen:
    1. Kastration unter Vollnarkose (Isofluran) fehlt die Zulassung. Für Bauern sehr gefährlich durch Einatmen. Lebenserwartung des Anwenders wird sehr wahrscheinlich deutlich verkürzt
    oder Vollnarkose durch per intramuskulärer Injektion = fünfstündige Nachschlafphase , problematisch weil Säugephasen fehlen

    2. Die zweimalige Eberimpfung mit Improvac im Maststall unterdrückt die Geschlechtsentwicklung . Lebensmittelhandel ist skeptisch und verweigert

    3. Ebermast. Für Mäster kein Problem für Schweine eine Qual durch große Verletzungsgefahr. Zweiter Nachteil ist die Tatsache, dass nur industrielle Schlacht und Fleischkonzerne das Geschäft machen können. Der Metzger um die Ecke ist dann Geschichte, weil der keine Vermarktungswege (Verarbeitung) für Stinker hat.

    4. Der vierte Weg ist die Lokalanästhesie. Dagegen laufen Tierärzte Sturm weil man Angst hat Umsatz zu verlieren, nach dem Motto „wir sind die Götter in Grün“.
    Hier Zitat Tierärztekammer. Quelle: Agrarheute.com

    „Beim sogenannten vierten Weg soll dem Tierhalter die Verabreichung eines Betäubungsmittels zur örtlichen Schmerzausschaltung erlaubt werden. In einer Pressemitteilung warnt die Bundetierärztekammer (BTK) erneut vor dieser Alternative. „Jede Anästhesie – das gilt auch für die lokale Betäubung – ist eine anspruchsvolle und risikobehaftete tierärztliche Tätigkeit“, erklärt der Präsident der BTK, Dr. Uwe Tiedemann. Laut BTK erfülle dieses Verfahren nicht die Vorgaben des Tierschutzgesetzes.“

    Mein Fazit:
    Zum Glück bin ich kein Züchter und somit nicht direkt betroffen. Dennoch bin ich mir sicher, dass die Frist verlängert werden muss. Das „Tierleid“ ist auch jetzt schon minimiert, weil früh kastriert wird und die Ferkel nach dem Eingriff direkt zu Mutter ans Gesäuge gehen. Das würden die bei großem Schmerzempfinden nicht machen.

    Der vierte Weg (Lokalanästhesie) ist richtig und jeder Bürger sollte sich mit Protestbriefen an die Tierärztekammer wenden. Der Landwirt hat keinen Handlungsspielraum, muss aber dennoch als Sündenbock herhalten. Bei so einem politischen Klima gibt es nur noch den Ausstieg aus der Schweinehaltung. Man kann ja alles importieren und der Bürger wird immer satt. Und die Tierärzte bekommen ihre Quittung und schreiben keine Rechnung mehr an Bauern.

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