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Progromnacht 1938 in Gescher: „Wir blieben hart“

Kein Gescherer Bürger an der Judenaktion beteiligt.

Gescher (fjk). Am 9. 11. 1938 wurden in Deutschland, Österreich und der Tschechoslowakei Synagogen verwüstet und angezündet. Jüdische Geschäfte wurden zerstört, Wohnungen geplündert, 30.000 Juden festgenommen, viele in den Tod getrieben. Jede Stadt hat zu diesem Datum seine eigene Geschichte. So auch Gescher. Was passierte am 9. November 1938, in der sogen. „Reichskristallnacht“, in Gescher. Stadtarchivar Willi Wiemold berichtet  -nachfolgend Auszüge-   darüber in seinem Buch „Die Jahre 1931 bis 1950“:

Über die Ereignisse in Gescher berichtete der damalige, kommissarische NSDAP-Ortsgruppenleiter Kreulich nach dem Krieg:

Zuerst muss gesagt werden, das sich kein Gescherer Bürger an der Judenaktion beteiligt hat. Als man am anderen Morgen hörte, was geschehen war, war man empört. Es war ein auswärtiges Kommando unter Leitung des Kreisamtsleiters der NSV, das nach Gescher gekommen war, um die Synagoge in Brand zu stecken und die Judengeschäfte zu zerstören. …

Das Kommando, das vorher in Südlohn gehaust haben soll, kam gegen Mitternacht in die Gaststätte Ekrod. Die Gaststätte diente als Parteilokal, man nannte sie auch das „Braune Haus“. Der Kommandoführer erkundigte sich bei der Wirtin nach der Synagoge und den jüdischen Geschäften. Frau Ekrod schöpfte Verdacht und ließ mich (Anmerk. Ortsgruppenleiter Kreulich) durch den Kaufmann Paul Schöning holen.

In der Wirtschaft empfing mich „Tante Anna“ mit den Worten: „Gott sei Dank, dass Sie da sind.“ Der Kommandoführer verlas einen Befehl des Führers. Danach seien als Vergeltungsmaßnahme für den Mord an einen deutschen Botschaftsangehörigen alle jüdischen Synagogen in Deutschland in Brand zu stecken und die Judengeschäfte zu demolieren. Ich bat ihn, mir den Befehl zu zeigen. Er weigerte sich.

Ich habe nochmals jegliche Aktionen gegen die Juden in Gescher abgelehnt und erklärt, dass ich die Polizei einschalten würde. Höhnisch sagte man mir, dass die Polizei nichts dagegen unternehmen würde, denn sie sei informiert und gehalten, nicht einzuschreiten.

Ich habe aber trotzdem den Polizeibeamten Pöpping aufgesucht und ihn gebeten, einzuschreiten und die Juden zu schützen. Pöpping war sofort bereit und zog sich in aller Eile an.

Die Häuser Schöning-Kortbus und Busch gehörten früher der Familie Stein, noch zu erkennen an der Inschrift „Ph. Ste“ – Quelle: Clemens Kösters. Größer? – Klick auf Bild!

Als wir nach draußen kamen, hörten wir Scheibengeklirr. Im Laufschrift sind wir zum Geschäft Stein, das in unmittelbarer Nähe der Synagoge lag, geeilt. Man hatte dort zwei Schaufensterscheiben eingeschlagen.

Polizist Pöpping forderte die Horde auf, sofort zu verschwinden, andernfalls würde er von seiner Waffe Gebrauch machen. Man beschimpfte und bedrohte uns.

Wir blieben hart.

Schließlich räumte die Bande das Feld. Man rief uns noch zu, dass Pöpping morgen seinen bunten Rock ausziehen müsse und ich mich ebenfalls zu verantworten habe. Der Polizeibeamte Pöpping erhielt am anderen Tag von seinem Vorgesetzten einen mündlichen Verweis. Ich selbst musste mich beim Kreisleiter melden. Er schimpfte mich aus und nannte mich „arm im Geiste“.  Als Hohheitsträger sei ich ungeeignet und für Gescher untragbar geworden.

Im Laufe des Tages wurden die Juden von Gendarmeriebeamten aus Coesfeld festgenommen, verhört und in die Arrestzellen (Anmerkung: Heute Glockenmuseum) gesperrt. Die Frau des Polizeibeamten Pöpping versorgte die Arrestanten. Sie gab ihnen auch das Essen, das die Judenfrauen in der Dunkelheit heimlich zu Frau Pöpping brachten, obwohl dies verboten war.

Kreulich wurde kurz darauf von der Amtsverwaltung Gescher nach Coesfeld versetzt. Die Allgemeine Zeitung berichtete nicht über diese Ereignisse sondern erinnerte an den versuchten Putsch der NSDAP am 9. Nov. 1923 und den Marsch zur Feldherrnhalle in München.

 

GZ vom 10.11.2018

 

2 Kommentare zu Progromnacht 1938 in Gescher: „Wir blieben hart“

  1. Volker Puttmann // 9. November 2018 um 21:17 //

    Buchtip: Primo Levi- Ist das ein Mensch?
    https://de.m.wikipedia.org/wiki/Ist_das_ein_Mensch%3F

    Glück auf!

  2. Sehr informativer Beitrag, vielen Dank!

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