Newsticker

Neues Auto: Von Abzockern und gutwilligen Spendern

Werbeeffekt liegt praktisch "bei null".

Gescher (fjk). Hurra, ein neues Auto. Bürgermeister Thomas Kerkhoff stellte heute der Öffentlichkeit einen neuen Ford Transit vor. Die Anschaffung des Fahrzeuges wurde durch 20 heimische Sponsoren ermöglicht. „So kostet der Wagen die Stadt Gescher und somit die Steuerzahler keinen Cent,“ sagte der Bürgermeister.

Als Gegenleistung für ihr Sponsering glänzen auf dem Wagen für die nächsten fünf Jahre die Werbeschriftzüge der Firmen. Das Auto, so eine Pressemitteilung der Stadt, sei eine fahrende Litfaßsäule und werbe für die heimische Wirtschaft.

Diese Art von Sozialsponsering gilt mittlerweile als unseriös und unanständig.  

Um so erstaunlicher, dass sich der Bürgermeister bereitwillig vor den Karren dubioser Geschäftsmethoden spannen läßt. Der Hauptakteur wurde heute bei der Präsentation durch dessen Repräsentanten, Heinz Schlüter aus Stadtlohn, vertreten.

Vermittelnde Werbefirma ist die Mobil Sport- und Öffentlichkeitswerbung GmbH aus dem rheinland-pfälzischen Neustadt an der Weinstraße. Mobil Sport ist nicht irgendeine Klitsche, sondern eine Firma mit Millionenumsatz und nach Angaben auf der eigenen Internetseite mit über 15 000 „Partnern“ „mit großem Abstand Marktführer in Europa“.

Sie wurde von dem 2013 gestorbenen Achim Niederberger gegründet. Seine Sponsoring-Werbefirmengruppe hatte ihn zum Multimillionär und größten privaten Weinerzeuger Deutschlands gemacht. Frau Jana zählt laut dem Manager Magazin zu den 300 reichsten Deutschen.

Wie ein Fordhändler erläuterte, kostet ein solcher Wagen inklusive Großabnehmerrabatt etwa 20 000 Euro netto. Die Firma nahm aber, so zeigten die Recherchen der Kollegen von der „Main Post“, von insgesamt 54 Gewerbetreibenden aus Gemünden und Umgebung knapp 80 000 Euro netto ein.*

Eine derartige Summe sei in Gescher nicht erzielt worden, sagte der Repräsentant von Mobil Sport, Heinz Schlüter.  Er schätze die Summe auf 34.000 Euro. Man sei aber dennoch zufrieden.

Auf die Frage nach dem Eigentümer des neuen Autos bestätigt Bürgermeister Kerkhoff:

„Das Auto gehört uns nicht. Es gehört nach wie vor der Mobil Sport. Es wird uns für 5 Jahre zur Verfügung gestellt.“ Am Ende der Laufzeit kann die Stadt das Fahrzeug zum Restpreiswert… erwerben.

Nach fünf Jahren geht der Wagen also wieder an die Werbefirma zurück, die in der Laufzeit durch Abschreibungen Steuern spart und  durch den Verkauf noch einmal Reibach machen kann. Soviel zum Thema kostenlos.

Die Stadt Gescher verfügt  über drei solcher Fahrzeuge. Sie sind ein gewohnter Anblick im Straßenbild, die Autos mit einer Vielzahl kleiner Werbeflächen örtlicher Firmen beklebt. Dabei ist der Werbewert „überschaubar“. Die Hoffnung der gutwilligen aber dennoch geschröpften Gewerbetreibenden wenigstens auf einen Werbeeffekt, dürfte sich kaum erfüllen.

Druck- und Werbeunternehmer Richard Reitz aus Karlstadt (Lkr. Main-Spessart) sieht den Werbeeffekt bei der Anzahl der Werbefirmen auf einem Auto „bei null“.*

Rechtsanwalt Wolf-Dieter Czap aus Hirschaid bei Bamberg ist nach eigenen Angaben schon in 250 Fällen gegen Firmen der Niederberger-Gruppe ,ihr gehört auch Mobil Sport an, vorgegangen. Deren Geschäftsmodell sei zwar „nicht strafbar, aber unanständig“. 75 bis 80 Prozent der Einnahmen aus den Werbeanzeigen blieben nach seiner Erfahrung bei Firmen wie Mobil. Da werde vonseiten der Anzeigenverkäufer oft ganz gezielt getäuscht und „verschleiert, mit wem der Kunde einen Vertrag schließt“. Bei einem Rechtsstreit sieht er allerdings höchstens eine Erfolgschance von 50%.*

Womöglich noch lukrativer als werbefinanzierte Autos sind gesponserte Defibrillatoren und Info-Vitrinen. Vielleicht sorgt der Bürgermeister dafür, dass Gescher wenigstens davon verschont bleibt.

Small Talk mit den Sponsoren bei Kaffee und Brötchen.

*Quelle: „Main Post Regional“

 

12 Kommentare zu Neues Auto: Von Abzockern und gutwilligen Spendern

  1. Werbender // 7. Juni 2017 um 08:58 //

    Sehr geehrter Herr Nathaus,
    welche Steuervergünstigungen gibt es denn in Gescher?

    Mir ist immer noch nicht klar, warum das Geschäft unseriös ist.
    Die Firma ist an mich herangetreten, ob ich nicht werben wolle. Wir haben über den Preis verhandelt und sind uns einig geworden. Das so eine Werbung nur begrenz wirkt, ist jedem klar. Ich muss aber abwägen, welche andere Werbeformen es gibt. Zeitungsinserate oder Online-Werbung sind (für 5 Jahre) um ein vielfaches teurer.
    Wem das Auto gehört, war nicht Gegenstand des Gesprächs und interessiert mich auch nicht. Auf einem Leasingfahrzeug würde ich auch werben. Dass es hier um Geschäfte geht, ist doch völlig klar. Sonst würde der Vertreter doch morgens gar nicht aufstehen. Und ich übrigens auch nicht. Das Wort „Sozial“-Sponsoring ist übrigens nicht gefallen. Sozial ist an der ganzen Sache gar nichts. Warum sollte es auch?
    Von meinen Einnahmen bleiben auch 75 % als Gewinn bei mir. Na und? Dafür zahle ich auch entsprechend hohe Steuern. Warum sollte die Stadt das Angebot nicht nutzen? Wenn Sie einen PKW braucht und bekommt ihn gestellt, warum nicht?

  2. Sebastian Nathaus // 6. Juni 2017 um 22:18 //

    Es gibt genügend Firmen die sich für ein Grundstück in Gescher in der Größenordnung von 2000 bis 3000m2 interessieren. Diese werden, aufgrund von desinteresse der Stadt, jedoch abgewiesen. Große Unternehmen die sich hier ansiedeln werden hier mit Steuervergünstigungen gelockt. Trotz der steigenden Umsätze der Unternehmen sinken die Gewerbesteuereinnahmen in Gescher! Diese Fahrzeuge haben ein Werbeeffekt gleich null. Wenn eine Kommune aufgrund von Misswirtschaft und Fehlplanungen ein Fahrzeug von Ortsansässigen Unternehmen bezahlt bekommt entstehen zwangsläufig unangenehme Fragen und Diskussionen. Ich persönlich entrichte meine Gewerbesteuer in einer Stadt die ausschließlich Fahrzeuge mit eigenen Logo und ohne Werbung anderer Unternehmen auskommt. Der Bürgerbus, den es hier nicht gibt, läuft über Einnahmen aus Werbemitteln. Also muss die Stadt ein zusätzliches Fahrzeug haben und unterhalten? Muss es ein neues Fahrzeug sein? Hätte nicht ein gebrauchter Polo gereicht? @Werbender vielleicht haben sie es gut gemeint, jedoch ist es aus dem Blickwinkel und der momentanen finanziellen Situation mehr als fragwürdig so etwas zu unterstützen. Das ganze ist kein Vorwurf an die Unternehmen, sondern ganz alleine an die Politik der Stadt gerichtet. In Monheim mag es mit Hilfe von Steuervergünstigungen zu klappen die Schuldenkrise zu überwinden. Nur hier werden wir damit scheitern.

  3. gegangener Bürger // 6. Juni 2017 um 18:29 //

    Nur wirklich interessierte und informierte Bürger, können die Hintergründe verstehen! Nur davon gibt es scheinbar immer weniger! Das ist dem geschuldet, das sich alle von wichtigen Info’s, durch die, auch so tollen Techniken ablenken lassen und grundsätzliches aus den Augen verlieren!

  4. Werbender // 6. Juni 2017 um 10:15 //

    Bitte mal ganz konkret: Was ist an dem Geschäft Abzocke? Warum übelste Art? Warum unseriös?
    Konkrete Belege bitte.

  5. bravogescherblog // 6. Juni 2017 um 09:48 //

    @Werbender
    Man muss sich schon wundern. Die Werbewirksamkeit mögen Sie sich ja noch einreden können. Unbestritten ist allerdings, dass es sich bei der „Masche“ um unseriöse Abzocke der übelsten Art handelt. Eine einfache Frage sei gestellt: Warum macht das nicht die Bürgerstiftung? Der Profit bliebe zu hundertprozent in Gescher, statt ein Auto bekäme man für`s gleichte Geld mehrere! Dann, erst dann, dürften sich alle auf die Schulter klopfen. In Gescher „natürlich anders“. Da läßt man sich vor den Karren unseriöser Geschäftsmethoden spannen, freut sich riesig darüber und läßt sich dafür auch noch feieren. Entschuldigung. „Blöder geht nicht!“

  6. Werbender // 6. Juni 2017 um 08:17 //

    Ich kann hier kein Problem entdecken. Jeder Unternehmer muss selbst beurteilen, ob und wie Werbung wirkt. Das hat sehr viele Faktoren. Klar ist sicherlich, dass dieses Auto allein keinen neuen Kunden bringt, die Gesamtheit der Werbung machts. Und da hat sicher jeder seiner eigene Strategie. Ich denke, in einer Stadt wie Gescher, wo man bekannt ist, hat dieses Auto einen Erinnerungseffekt bei den (potenziellen) Kunden. In Großstädten sieht das sicher anders aus.
    Im Übrigen hört man, dass der Vertreter, der die Werbenden akquiriert, beim Preis mit sich reden lässt. Wer am Ende der Verhandlung mehr als 20 % des ursprünglich geforderten zahlt, wird seinen Grund haben 🙂

  7. Insider // 5. Juni 2017 um 21:32 //

    @Böing
    Es reicht hier sicher nicht die einfache Mathematik, sondern das Thema ist was für Fachleute wie Steuerberater etc.

    Natürlich ist das absolut kein Skandal was hier diskutiert wird, aber durchaus kritikwürdig. Wenn Unternehmen zu viel Geld haben, sollten man über die Erhöhung von Steuern nachdenken-so könnte man provokant sagen.

    Ich vermute, der Trick hier, ist die steuerliche Absetzbarkeit einer Spende an die Kommune, die so nicht absetzbar wäre. Erst wenn das Auto in eine Litfaßsäule verwandelt wird, können die Unternehmen die „Spende“ als Werbeausgaben gewinnmindernd verbuchen. So meine Vermutung als Nichtfachmann. Somit mindert sich auch die Gewerbesteuereinnahmen der Stadt. Es ist hier also aufzupassen, dass die Mindereinnahmen an Gewerbesteuern nicht höher sind als die sonst anfallenden Leasingraten (fünf Jahre) eines vergleichbaren Fahrzeuges.

  8. Helmut Böing, Gescher Händelstr. 13a // 5. Juni 2017 um 20:24 //

    Was soll falsch daran sein von Seiten der Stadt Gescher ein durch Gewerbetrei-
    bende Gescheraner finanziertes Fahrzeug zu nutzen???
    Die fehlende Gewerbesteuer? Wo haben die Kritiker das Rechnen gelernt??
    Ich jedenfalls kann da keinen Fehler der Verwaltung erkennen!!
    Ob die Firmen zu viel bezahlen oder nicht hat die Stadtverwaltung nicht zu
    interessieren. Soviel Rechnen sollten beteiligten Firmen selbst gelernt haben! Da ist doch jeder Geschäftsmann selbst dabei! Es wird keiner zu seinem „Glück“ gezwungen!!!!

  9. Werbeaffine // 2. Juni 2017 um 09:36 //

    Nur mal so: Diese Art der finanzierten Abzocke gab es auch schon vor BM Kerkhoff. Diese Karren fahren doch schon seit Jahren hier rum und nutzen meist den städtisch Bediensteten als private Transportmittel (selber gesehen!)

  10. Sven L. // 2. Juni 2017 um 09:24 //

    Ist der Bürgermeister Opfer oder Täter? Möge die Abzockerei mit Werbeautos und Defibrillatoren in Gescher ein Ende haben. Könnte sein dank dieses mutigen Beitrages. Gut recherchiert Herr Kunst. Weiter so!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

  11. gegangener Bürger // 1. Juni 2017 um 20:38 //

    Einem BM, mit einem Alter von 35 Jahren, fehlt scheinbar die Erfahrung, um solche Geschäftsmodelle zu erkennen! Aber hat der BM nicht auch irgend etwas, vor seiner Amtszeit in Gescher, mit Jura gemacht? Wenn ja ist das sicherlich eine Vorgehensweise die hinterfragt werden sollte, damit mehr Gewerbesteuer in Gescher verbleibt und nicht in Firmen gepumpt wird, die solch fraglichen Geschäftsmodelle anbieten!

Kommentare sind deaktiviert.

%d Bloggern gefällt das: